Programm


Festival of Regions 1995

Updated: 30.07.2010

Raaber Sesshaftigkeitsprüfung

Innviertel Performance

     

Utiseta: "Draußen sitzen". Altnordisch. - Die Volksperformance "Seßhaftigkeitsprüfung" thematisiert die Spannungsfelder Sesshaftigkeit und Nomadentum, Stillstand und Bewegung, Standhalten und Flucht, Heimat und Fremde, Winkel und Welt und das Zubereiten von Heimat. Der Gedanke der Performance an sich, Dinge und Handlungen zum Sprechen zu bringen, wird in der Volksperformance in besonderer Weise erweitert: die performerischen Ereignisse werden nicht in üblicher Weise in den dafür vorgesehenen Räumen belassen. Sie verknüpfen sich mit traditionellen Ereignissen. Durchzuführen ist die Volksperformance nur in engster Zusammenarbeit mit der Bevölkerung am vorgesehenen Ort - was sie stark und zugleich verwundbar macht. Die Sesshaftigkeitsprüfung geht vermutlich auf das "Volksopfer" zurück, einer Abgabe, die in den napoleonischen Kriegen üblich war. Die Sesshaftigkeitsprüfung könnte somit als "symbolisches Volksopfer" verstanden werden. Das Sitzen ist ursprünglich eine dem Zauber zugehörige Haltung. Es sichert die Macht. Die Wahl des Ortes der Beschwörung soll dazu beitragen, sie gelingen zu lassen. Der Sessel - auch Stuhl genannt - ist dem Menschen, neben Hemd, Hose, Rock, Teller, Tasse, Bett und Tisch, das nächste Ding. Der Sessel ist dem Menschen ähnlich. Er besitzt Beine, Rückenteil und die Unterscheidung von Hinten und Vorne. Zugleich ist er aber auch den Landsäugetieren ähnlich, mit seiner Vierbeinigkeit und der als Sitzfläche ausgeprägten Horizontale. Der Sessel ähnelt also einem Mischwesen aus Mensch und Tier - vielleicht einem ziegenkleinen Centauren. Der Sessel steht für Am-Ort-Bleiben, Sesshaftsein und -werden. Man schwimmt nicht mehr im Fluß der naturgegebenen Möglichkeiten, sondern baut sich seine Welt. Außerhalb dieser Welt ist Fremde. Der Sessel bedingt um sich herum das Haus, er ist wie mit Haus bekleidet. Der Sessel im Freien ist nackt. Er zeigt so unvermittelt, was er ist. Der Sessel ist mit Macht durchtränkter Diskurs der Welt, zum Beispiel Lehrstuhl, Richterstuhl, Gottes Thron. Die Geschichte des massenhaft auftretenden Sessels beginnt mit der Französischen Revolution: Die Demokratisierung des Sessels. Sitzend soll der Richter sein Urteil finden.

Contributers:
Organisation verein kunst & kultur raab
Projektverantwortliche(r) Comedia Opera Instabile/München - Peter Baer
Projektverantwortliche(r) Comedia Opera Instabile/München - Lothar Kreutzer

Locations:
A-4760 Raab
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