Programm
Festival of Regions 1993
Die selbe Welt?
Steyr Exhibition | |
Wahrnehmung - die selbstverständlichste Sache der Welt? Auch die überzeugendsten Beispiele, Belege und Beweise für den Umstand, dass sich die Gesellschaft der Gegenwart auf einen existentiell kritischen Punkt zubewegt, ihn vielleicht sogar schon überschritten hat, vermögen offenbar einen differenzierten und angemessenen Bewusstseinswandel nicht herbeizuführen. Individuelle Wahrnehmung von Wirklichkeit und gesellschaftlicher Konsens liegen im Widerstreit. Stress, Konkurrenz, Nationalismen und Xenophobie mehren den Zweifel, ob Menschen von der selben Sache reden, wenn sie über die Welt Aussagen treffen. Während sich traditionelle Museen in künstlerischen und wissenschaftlichen Sammlungen mit der Darstellung von Ideen und Objekten beschäftigen, wendet sich das Museum der Wahrnehmung den Quellen dieser Ideen und Objekte zu und sucht diese in den Bedingungen der menschlichen Wahrnehmung. Gestützt auf die konstruktivistische Erkenntnistheorie hat sich die Ausstellung des MUWA zum Leit-Thema "Das Fremde" die Aufgabe gestellt, in ihren Publikums-Werkstätten und am Beispiel von Wahrnehmungs-Installationen deutlich zu machen, dass sinnliche Wahrnehmung bereits "Interpretation von Welt" bedeutet und dass die ontische Wirklichkeit, also die von menschlicher Wahrnehmung unabhängige Realität, dem Menschen kognitionsunabhängig nicht zugänglich ist. Salopp gesagt: unsere Wahrnehmung vermittelt uns keine Abbildung der Realität, sondern lediglich ein mit Hilfe sprachlicher Beschreibungen konstruiertes Modell der Wirklichkeit. Dieser Ansatz kann deutlich machen, dass alle Informationen über die Welt im Prozess der menschlichen Kognition erzeugt werden. Wenn wir also von einer uns gemeinsamen Realität sprechen, gehen wir davon aus, dass sich im Prozeß der Kommunikation zwischen Individuen, die über eine vergleichbare Sozialisation und über eine weitgehend identische biologische Ausstattung verfügen, partielle Übereinstimmungen ihrer kognitiven Systeme herausbilden, die vergleichbare Modelle von Realität - und damit Konsens - erzeugen können. "Wahrnehmung" wird in dieser Ausstellung also nicht als "Sinnes-Werkzeug" beschrieben, sondern als ein Prozess individueller und gemeinschaftlicher Inszenierung von Wirklichkeit erlebbar und nachvollziehbar gemacht. "Wahrnehmung" meint in dieser Ausstellung nicht passives Abbilden, sondern aktives Gestalten von Welt, durch das individuelle und gemeinschaftliche Verantwortung geschaffen wird. Wie können wir Zeit objektiv messen und zugleich das Verstreichen von Zeit mit unseren subjektiven Erinnerungen und Vorstellungen verbinden? Welche unserer Sinne sind am innigsten mit der Zeit verknüpft? Mit der Duft-Uhr wollen wir Sie an ein Zeiterlebnis heranführen, das nicht von mechanischen Apparaten, nichtv on mathematischer Exaktheit und nicht vom Diktat digitaler Umsetzung gekennzeichnet ist. Die Duft-Uhr heißt erkennen, dass unser Geruchssinn - anders als unser Sehsinn - unmittelbar und nicht über den Umweg analytischer Deutung auf unsere Empfindungen einwirkt. Was wir riechen, dringt tatsächlich und materiell über das Riech-Hirn in uns ein: "Der Geruch in mir, das ist der Geruch des anderen in meinem Körper; des anderen verdampften Körpers." (Sartre) Die Ausstellung des Museums der Wahrnehmung setzt dabei auf die Irritation, die Störung, die Paradoxien und die Mehrdeutigkeit, die zwischen unserer Wahrnehmung und unserem Denken offenbar werden. Mit dieser Themenstellung setzt das MUWA an die Stelle einer sich als kontraproduktiv erweisenden "technischen Rationalität" den Ansatz einer "ökologischen Rationalität", die ihren Ausdruck findet im lebendigen Verknüpfen von kognitiven, emotionalen und körperlichen Erfahrungen. Am Beispiel von zwölf interaktiven Wahrnehmungs-Installationen unternimmt die Ausstellung den Versuch, unseren Begriff vom "Fremden" mit dem des "Unbekannten" im anderen und in uns selbst zu verknüpfen. Denn während im Verständnis vom "Fremden" oft ein bedrohlicher Bedeutungsrest mitschwingt, verspricht uns das "Unbekannte" vielmehr ein Abenteuer des Entdeckens und Erforschens und damit ein erlebnisreiches - vielleicht auch vergnügliches - Kennenlernen und Verstehen neuer Welten. Die zwölf Wahrnehmungs-Installationen (die sechs "Seh-Maschinen", die MUWA-"Spiegel-Box", die "Duft-Uhr", der "Klang-Raum", "Magic-Window", der "Mixed Identity-Mirror" und die "Benham-Scheiben") können den BesucherInnen deutlich machen, dass wir gewöhnlich die Fähigkeiten unserer sinnlichen Wahrnehmung nicht ausschöpfen; dass unser Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten uns häufig nur schon Gewohntes vermitteln und dass wir über weit mehr als nur diese fünf Kanäle von Wahrnehmung verfügen. Die Ausstellung zitiert damit einen Gedanken Heinz von Foersters, des Doyens konstruktivistischer Erkenntnistheorie: "Wir verstehen nicht Verstehen, es entzieht sich uns, entschlüpft Uns, denn wir merken nicht das Unglaubliche, das Rätselhafte, das Erstaunliche, das Wunderbare, das in alltäglichem Gespräch und Reflexion vor sich geht. Erst wenn dieser Strom von Selbstverständlichkeit gestört wird, stehen wir staunend vor diesem Wunder." - Die Ausstellung versucht im Verbund mit den sie begleitenden Lern- und Studien-Werkstätten drei Zielsetzungen zu vereinen: Sie zielt darauf ab, individuelle Warhnehmung zu entwickeln und zu schärfen und persönliche Wahrnehmungs-Filter abzulegen. Zugleich thematisiert sie die Wirkungsweise sozialer oder kultureller Wahrnehmungs-Filter und macht damit den interkulturellen Aspekt von Wahrnehmung deutlich. Und sie versucht schließlich, zu vermitteln, dass eine entwickelte Wahrnehmung der Vielfalt persönlicher Wirklichkeiten und interkultureller Realitäten die Basis schafft für einen gemeinschaftlich ökologischen und solidarischen Umgang mit der einen, uns gemeinsamen Erde.
Contributers:ProjektträgerIn Museum Industr. Arbeitswelt -
Locations:
A-4400 Steyr
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