Programm


Festival of Regions 1993

Updated: 30.07.2010

Kusma

Innviertel Theatre/performance

     

Ziel: Durch die Konfrontation - in Form eines unmittelbaren Arbeitsprozesses - mit einer Kultur aus dem ehemaligen Ostblock, wechselseitig dem Fremden in und um uns näher zu kommen und daraus Strategien für die Zukunft unseres Zusammenlebens abzuleiten. Projekt: Das Projekt Kusma ist ein internationales, künstlerisches Projekt, das der Frage nach dem Einfluss auf die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit, durch soziale, kulturelle, ökonomische und gesellschaftspolitische Zustände (Zwänge) nachgeht. Dieser Prozess wird anhand von historischen und ästhetischen Erfahrungen, wie sie in der Sowjetunion der 20er und 30er Jahre durch das Annehmen utopischer, kommunistischer Ideologien geschah, näher beleuchtet. Nicht die Kritik oder die soziale Erforschung des Kommunismus ist Zweck. Die historischen Erfahrungen, speziell die der Ästhetik des Lebens und der Kunst, welche nach der Oktoberrevolution entstanden sind, sollen für einen kreativen Prozess genützt werden, der Einsicht in die Geheimnisse der menschlichen Persönlichkeit schafft. Ein Stück von Andrej Platonow bildet die literarische Grundlage des Projektes. Schauspieler, bildende Künstler und Musiker aus der Region Braunau bzw. Kiew erarbeiten gemeinsam die Produktion "Der Leierkasten" von Andrej Platonow. Das wechselseitige Reagieren auf die Erfahrungen während der Zusammenarbeit ist ein elementarer Teil dieses Projektes. Die Verschiedenheit des gesellschafts- und kulturpolitischen Hintergrundes der Künstler erzeugt folglich ein Spannungsfeld nach innen wie nach außen. Ein fertiges Theaterprodukt ist der erkennbare und für den Besucher nachvollziehbare Teil dieses Prozesses. In der Kooperation von Menschen verschiedener Kulturen - verschieden auch im Sinne der sozialen Verhältnisse und ihres Lebens, den materiellen Einflüssen und den Ansprüchen - liegt die Chance, Problematiken aufzuzeigen und aufzuarbeiten sowie Lösungsansätze für die zukünftige Entwicklung Europas und unserer Zivilisation zu finden. Das Projekt findet in der Region Braunau statt, dadurch ergibt sich eine direkte Auseinandersetzung mit der Arbeits- und Lebenssituation in unserer Region für die Künstler aus dem Osten. Raum / Mensch: Der künstlichen Funktionalität des Theaterraumes wird ein organischer Lebensraum mit Wiesen, Hügeln und einem Sumpf entgegengesetzt. Der konventionelle Zugangsritus in das Theater, die Abtrennung von Künstlern und Rezipienten, wird durch die Gestaltung des Raumes aufgehoben. Das Künstliche wird durch Natürliches ersetzt. Der Besucher kommt aus einer ihm vertrauten natürlichen Umgebung und integriert sich als organischer Teil dieses Lebensraumes, sobald der "geschützte Theaterraum" betreten wird. Eine ihm vertraute Umgebung zurücklassend, betritt der Besucher ein Dorf im Dorf, einen Lebensraum, und kein Theater im konventionellen Sinn. Um einen Dialog mit der Gesamtöffentlichkeit zu forcieren, werden Aktivitäten auf verschiedenen Freiflächen in Braunau gesetzt. Den Bewohnern der Region wird Einsicht in den Arbeitsprozess des Produktionsteams durch das Abhalten öffentlicher Proben angeboten. Das Stück:< "Der Leierkasten".Ihr Direktor, der stets Direktiven erwartet und die Massen keinen Tag ohne Anleitung läßt, engagiert eine kleine Agitationsgruppe, die mit einem selbstkonstruierten Eisenmenschen umherzieht, der einem Denkmal des "absoluten Bürgers mit gesetzlich geordnetem Tun und Denken" gleicht und eine ideale Verkörperung des von der Bürokratie erträumten "neuen Helden" darstellen soll. Doch im entscheidenden Moment der "Tätigkeit" der Behörde - bei Verhandlungen mit Ausländern über den Verkauf der "Aktivistenseele" - funktioniert der Mechanismus des Eisenmenschen nicht mehr - er wird unter allgemeiner Empörung als Opportunist in seine Bestandteile zerlegt. Das Stück von Platonow ist ein Abgesang auf die Weltverbesserer, die beseelt von der Bedeutung und Richtigkeit ihrer Ideen, den Blick für das Wesentliche verlieren, nämlich: den Menschen. Dieses Stück, geschrieben 1932 von einem der größten russischen Dramatiker unseres Jahrhunderts, der lange unbekannt und bis zur letzten Phase der Perestrojka verboten war, gibt uns die Möglichkeit, die Zielformulierung des Projektes auf hohem künstlerischen Niveau anzugehen. Die Produktion "Der Leierkasten" wird in deutscher Sprache aufgeführt. Im Essay "Puschkin - unser Genosse" sprach Platonow 1937 das Grundproblem seines eigenen Schaffens an: das Verhältnis von Fortschritt und Humanität, das Verhalten von tätigem, umgestaltendem Streben und "stillem" verborgenem Wesen des Menschen und des Lebens. Auf diese Weise spricht Platonow in seinem Gesamtwerk auch ein Grundproblem unserer Epoche an, in der die Beziehungen der Natur, des Menschen und der Menschheit zum technischen und gesellschaftlichen Fortschritt so problematisch geworden sind wie noch nie.

Project:
Kultur im GUGG & Theaterclub Kiew

Contributers:
Kooperationspartner Theaterclub Kiew
ProjektträgerIn Kultur im GUGG -

Locations:
A-5280 Braunau
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