Interview zu: "Filiale"
Olivia Schütz (= OS) und Sedjro Mensah (= SM) im Gespräch mit Peter Arlt
Linz, Café Landgraf, 25.3.09
Ihr seid bereits seit 11. Februar hier und habt schon einige Aktivitäten gesetzt. Unter anderem gibt’s ein „public diary“. Wie funktioniert das?
OS: Im Schaufenster unseres Pavillons sind zwei Monitore und eine kleine Kamera und wenn man am Schaufenster auf einen Punkt drückt, wird ein Kontakt hergestellt und die Kamera nimmt dann 30 Sekunden lang auf und dann kann man erzählen, was man erzählen will. Das wird aufgenommen und anschließend sogleich abgespielt. Und im zweiten Monitor werden alle bisher produzierten Videos in einem Loop abgespielt. Außen sind ein Mikro und Boxen, damit man es auch hören kann. Mittlerweile sind es 300 Videos. Was da an Wortmeldungen gekommen ist, ist spannend. Von der knallenden Pistole, sexistischen Meldungen und und ...
Wird da von euch zensuriert?
OS: Das diskutieren wir gerade. Die laufenden Videos haben schon Aufregung mit sich gebracht. Eine Großmutter ist einmal reingekommen und hat mit mir zu reden begonnen: Sie ist mit ihrem Enkerl vorbeigekommen und da lief gerade das Video von einem, der – sagen wir mal – auf großen Gangster gemacht hat, und sie wollte wissen, wie sie das ihrem Enkel erklären soll.
Was demnächst stattfindet, ist „Home Cooked Radio“. Was passiert da?
SM: Wir verlegen unser Radiostudio in die privaten Wohnungen. Zwei Familien haben sich da bereit erklärt, die dann gemeinsam mit Freunden und Nachbarn – und unserer Hilfe – die Sendung gestalten. Wir versuchen dadurch auch eine stärkere Vernetzung der BewohnerInnen mit ihrer unmittelbaren Umgebung zu erreichen. Es geht auch darum, dass die Leute selber sagen können, wie es hier ist und nicht andere über sie berichten – und dass man auch hinter die Fassaden blicken kann.
Auwiesen und mediale Berichterstattung ist ja ein eigenes Kapitel. Es ist ja meist verknüpft mit Problemen mit Jugendlichen. Kann man dieser medialen Fremdstigmatisierungs- und Selbststilisierungsfalle entkommen?
SM: Bei „public diary“ wird viel übertrieben und werden Rollen gespielt. Wenn man das Medium nur als Werkzeug sieht, dann nimmt das Übertreiben ab. Es ist unsere Absicht, dass die Auwiesener auch selbst Sendungen gestalten und ich glaube, dass man dann eine sachlichere und vernünftigere Repräsentation von Auwiesen erhält. Das Medium ist weder Hürde noch verzerrter Spiegel, sondern man kann damit unmittelbar in Kontakt treten. Ich glaube, dass man dann dieses Bild, das von außen kommt, korrigieren kann.
Indem man die Rollen umdreht, indem man selbst zum Bildproduzenten wird, ändert sich das erzeugte Bild?
SM: Genau. Ein freies Radio funktioniert wie ein System. Und ein System hat nichts mit Moral zu tun – sagt nicht, was gut und böse ist. Wenn ein System Probleme hat, dann versucht das System, das selbst zu lösen – es ist ein lebendiges System. Und wenn es extreme Aussagen gibt, dann reagieren sofort die ZuhörerInnen und sagen uns das, und somit gibt es eine Selbstregulierung. Und das erwarten wir auch von den Auwiesenern: Sie haben selbst die Möglichkeit, Bilder zu korrigieren.
Was bleibt, wenn ihr am 1. Juni Auwiesen wieder verlasst?
OS: Den Anspruch, dass sich nach uns etwas weiterentwickeln muss, habe ich nicht – es wäre schön, ich glaube aber nicht daran. Es ist eine Serviceleistung für die Bewohner – wir bieten ein Programm und Partizipationsmöglichkeiten und im besten Fall entwickelt sich etwas daraus. Man muss sich schon Gedanken machen, was passiert, wenn das Festival wieder abgezogen ist. Man bohrt ja schon tief hinein und wühlt was auf – und dann ist man wieder weg. Ganz nach dem alten Stadtwerkstatt-Motto „Anstiftung zur Initiative“ wäre es für uns das Schönste, wenn Jugendliche und andere BewohnerInnen von Auwiesen sich organisierten und selbst Kulturarbeit in ihrem Viertel machen würden, die dann von der Stadt unterstützt werden müsste.
SM: Wir von Radio FRO hoffen schon, danach auch in Auwiesen präsenter zu sein – und nicht nur im Zentrum gehört zu werden. Neue ZuhörerInnen gewinnen, aber auch Leute, die bei uns als ProgrammmacherInnen mitmachen. Radio machen geht ja relativ einfach.
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