Interview zu: Projekt "20 bis 24 heute"

Pfarrer Christian Öhler (= CÖ), Peter Huemer (= PH) und Walter Gschwandtner (= WG) im Gespräch mit Peter Arlt
Pfarre Marcel Callo, Linz-Auwiesen, 11.2.09

Wie findet man 20- bis 24-Jährige, die über ihre Werte reden wollen?

CÖ: Ich habe mir die sieben bis zehn Jahre alten Firmungslisten vorgenommen und drauflostelefoniert. Und mit fünf haben wir uns schon getroffen. Wir hatten ein erstes zweieinhalbstündiges Gespräch und da war derart viel Leben drinnen, dass wir noch zwei Stunden hätten weiterreden können. Denen hat das total getaugt – und uns auch.

WG: Wir haben schon das Bemühen, eine gewisse Repräsentativität bei den insgesamt zwölf Leuten zu haben. Ich habe zur islamischen Glaubensgemeinschaft Kontakt aufgenommen, eine Frau hat mich auch im Atelier besucht und herumtelefoniert, aber leider hat sie in Auwiesen keine Person gefunden, die bereit gewesen wäre. Da ist natürlich die spezielle Hürde für Muslime, sich in einem katholischen Kirchenzentrum zu zeigen. Eine andere Schiene ist über die Rettungsorganisationen. Beim Roten Kreuz gibt es vier Personen in diesem Alter, die hier leben und die werden über meine Kontaktperson beim Roten Kreuz jetzt angesprochen.

Zu Beginn gab’s also ein Gruppengespräch, worum ging es da?

PH: Wir wollten im Gespräch herausfiltern, was wir wollen, worum es uns geht. Und wir haben sie auch darauf hingewiesen, dass sie vielleicht doch ihre eigenen Statements formulieren sollen. Ich denke, das wird funktionieren.

Wie war die Aufgabenstellung an die TeilnehmerInnen bezüglich Text?

CÖ: Ich habe ihnen noch ein Mail geschickt und ein paar Fragen formuliert: Was ist für euch ein zufriedenstellendes Leben, welche Werte leiten euch, was ist euch wichtig, wie möchtest du, dass dein Leben in fünf Jahren aussieht?

Da werden Sie aber schon mehr Text bekommen, als Sie verwenden können. Wer wählt dann aus?

WG: Das passiert immer in Absprache mit den Leuten. Wir werden dann noch über die Texte reden, das ist eine gemeinschaftliche Entwicklung. Wir haben sie nach ihren Lieblingsfarben gefragt, Bekleidung ist auch nicht festgelegt, und wenn einer beim Foto am Kopf stehen will, wird das auch gehen. Zu guter Letzt muss er oder sie mit ihrem Gesicht und ihrer Aussage dastehen – also die Letztentscheidung liegt schon bei der jeweiligen Person.

PH: Die Menschen werden lebensgroß auf einem Bildträger reproduziert – die Persönlichkeiten sollen mit ihrem Statement dastehen.  

Die realen Personen werden ausgestellt – die outen sich?


WG: Ja. Das ist die Voraussetzung, dass man zu seinen Aussagen auch steht. Darüber haben wir natürlich auch gesprochen, aber darüber hat es kein Bangen gegeben.

CÖ: Und das sind keine Studenten, die sich damit vielleicht leichter tun. Das waren ein Lehrling, eine junge Mutter – gelernte Verkäuferin –, ein junger Arbeiter mit polnischen Wurzeln, eine Familienhelferin und ein HTL-Absolvent.

Gab es im bisherigen Entwicklungsprozess schon Überraschungen?

CÖ: Also, ich habe gestaunt, welches Bedürfnis nach Gespräch es bei den fünf jungen Leuten gegeben hat. Man hat gemerkt, die reden gerne über dieses Thema.

WG: Das war wirklich die Überraschung. Weil es hat ja auch die Angst bestanden, dass wir beim Thema Werthaltungen auf totales Desinteresse stoßen. Ich habe vorher mit Gleichaltrigen aus meinem Familienkreis darüber gesprochen und die haben gemeint: „Ui, das wird schwierig – sie können sich das nicht vorstellen.“
(...)

Welche Hoffnungen verknüpft man mit diesem Projekt?


CÖ: Eine Pfarrgemeinde wird auch leicht zum Ghetto innerhalb eines Stadtteils. Jede Gruppierung und auch eine Christengemeinde neigt dazu, sich selber abzuschließen. Ich als Pfarrer erwarte mir einen Impuls der Öffnung, auf neue Leute zugehen, wie denken die. So ist auch unsere Gründungsgeschichte. Die Pfarre hat im Volkshaus und in einer Wohnung, die ich angemietet habe, begonnen, dann gab es die Phase, in der man sich finden und konsolidieren muss und dann gibt es auch wieder die Zeit, wo man Impulse braucht, damit man nicht einschläft. Es hat ja einen Kirchenbaugrund gegeben, aber das habe ich geschmissen und im Volkshaus begonnen, was für die Leute ein wichtiges Signal war: Wir treffen uns im bestehenden Umfeld und schauen erst mal, was wir überhaupt brauchen und dann kam die Fabrik und ein langer Kampf für die Erhaltung und dass wir dann das geschafft haben, hat uns einen unheimlichen Schub gegeben. Und jetzt ist es Zeit für einen Impuls und das ist auch unsere Chance, die wir durch das Festival der Regionen bekommen haben, dass wir diesbezüglich herausgefordert werden.


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